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Aktuell gibt es deutschlandweit noch circa 22.000 Kneipen. Die Zahlen sind seit Jahren stark rückläufig. Die Corona-Krise hat diesen Trend noch verstärkt.

Kneipensterben im Quartier (5): ZDF-History mit toller neuer Dokumentation zur sozialen Funktion von Kneipen

In einer kleinen Serie auf diesem Blog beschäftigen wir uns schon länger mit dem stetigen Wegfall von immer mehr kleinen sozialen Orten im Quartier: Kioske, kleine Lebensmittelmärkte, Spielwaren- und Buchläden oder die Kneipe am Eck: Verschwunden. Das ZDF hat der Institution Kneipe nun mit der guten Dokumentation „Mythos Kneipe“ ein kleines Denkmal gesetzt.

https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/mythos-kneipe—der-deutschen-zweites-wohnzimmer-100.html

Aus dem Text der Dokumentation:

„Die kleine Kneipe in unserer Straße“ – sie ist den Deutschen ans Herz gewachsen. Dort trafen sich unterschiedliche Generationen und soziale Schichten. Noch heute fürchtet die Politik den Stammtisch, an dem sich Volkes Stimme artikuliert.

Keimzelle des Protests

Am Anfang steht schiere Notwendigkeit: Im 19. Jahrhundert zieht es immer mehr Menschen in die großen Städte. In ihren Elendsquartieren haben die meisten Arbeiter kein eigenes Wohnzimmer. Also suchen sie sich ein anderes in den Kneipen, die nun wie Pilze aus dem Boden schießen. Bei Bier und Korn wird über die Härte des Lebens diskutiert – und nach Abhilfe gesucht. Die Kneipe wird zur Keimzelle des Protests, wenn nicht sogar des Umsturzes.

Einer dieser konspirativen Treffpunkte eröffnet 1894 in Bremen. Betreiber: ein gewisser Friedrich Ebert. Als der SPD-Politiker in der Weimarer Republik Reichspräsident wird, mokieren sich die Rechten über sein Vorleben als Kneipenwirt. Auch die Ursprünge der Nazis liegen im Wirtshaus – im Sumpf der Münchner Bierkeller.

Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt

Nach dem Krieg erweitern die Kneipen ihre Möglichkeiten. Neue technische Geräte halten Einzug und verstärken das Gemeinschaftsgefühl. Mit dem Fernsehen kommen viele Deutsche erstmals beim Kneipen-Besuch in Berührung – beim kollektiven Fußballschauen. Die Jukebox befördert den Siegeszug des Rock ’n‘ Roll. Der Flipper-Automat zieht vor allem die Jugend an. Wenn das Spiel zu Ende ist, heißt es: ausgeflippt.

Nach 1968 bekommt der Begriff der Studentenkneipe einen neuen Inhalt. Die Trink-Rituale der Burschenschaftler werden nun endgültig zum Anachronismus. Der Student neuen Typs ist eher links und trifft sich mit seinesgleichen in verräucherten Szene-Kneipen. Einer der Hotspots ist Berlin-Kreuzberg. Die Gebrüder Blattschuss besingen im Song „Kreuzberger Nächte sind lang“ ironisch die Szene – und landen damit einen überraschenden Mainstream-Erfolg.

Inzwischen hat der häusliche Medienkonsum vielen Kneipen den Garaus gemacht. Gab es im Jahr 1994 noch 70.000, sind es derzeit nur rund 22.000. Den verbliebenen macht die Coronakrise zu schaffen. Was fehlt also, wenn die Kneipe stirbt? „Der gesellschaftliche Zusammenhalt“, davon sind TV-Legende Frank Zander und Comedian Markus Krebs überzeugt. Sie setzen sich für die Rettung der Kiez-Kneipe ein und kommen in dieser Folge von „ZDF-History“ als prominente Zeitzeugen zu Wort.

Viel Spass damit!

Die Postsiedlung – Solidarität findet Stadt.