Historie: Kindheitserinnerungen aus der Postsiedlung – von Christiane Gärtner

Historie: Kindheitserinnerungen aus der Postsiedlung – von Christiane Gärtner

Ab und an erreichen uns ganz wundervolle Geschichten und Erzählungen aus der Geschichte der Postsiedlung. Heute möchten wir Ihnen die Kindheitserinnerungen von Christiane Gärtner vorstellen, die einen schönen Text verfasst hat.

Wir sind immer auf der Suche nach tollen Erinnerungen, Geschichten, Fotos und Videos…

Aus einem Schulheft der 3. Klasse. Heinrich-Heine-Schule. 1972.

„Der Sommer 1969 beginnt für mich mit dem Einzug in eine Wohnung in der Postsiedlung in Darmstadt. Ich bin fast sechs Jahre alt, habe einen Wackelzahn und sehe meinem ersten Schultag erwartungsvoll entgegen.

Was hält die neue Umgebung so Interessantes bereit? Mein Papa führt mich zu dem riesigen Sport-und Spielplatz in der Binger Straße. Da gibt es Kletterstangen, eine große Sandkiste, einen hohen Kletterpilz. Ich lerne Kinder kennen, meine baldigen Mitschüler, wie wir herausfinden. Der Spielplatz wird mein zentralerAnlaufpunkt. Zu unseren Kletterübungen nehmen wir noch den Schuppen hinter dem Edeka-Laden dazu, klettern aufs Dach und machen Mutproben: Wer traut sich, vom Dach zu springen?

Aus einem Fenster im Erdgeschoss schaut uns Angelika gespannt zu, wie wir auf der Wiese landen. Mit aufgeschürften Knien setzen wir uns auf die Spielplatzmauer und reden und singen „Auf der Mauer, auf der Lauer…“.

Abends im Fernsehen wiederholt sich eine skurrile Afri-Cola-Werbung und es werden Nachrichten über Sharon Tate und Alexandra übermittelt, und unten im runden Häuschen an der Straßenecke küssen sich die jugendlichen Pärchen.

Eine wohltuende Gegend ist das, mit den Wiesen, Bäumen, Büschen und versteckten Pfaden, abgeschirmt von Hauptverkehrsstraßen. Da können sich Kinder unkompliziert begegnen – frei und doch geschützt. Meine Wohnung ist draußen.

Der Schulweg zur Heinrich-Heine-Schule ist kurz und angenehm: Ich überquere die kaum befahrene Moltkestraße und schon bin ich auf einem breiten Fußpfad, auf dem ich auf meine Mitschüler treffe und wir gemeinsam zum Schultor laufen. Die Schule dauert bis zum Mittag und manchmal haben wir auch an Samstagen Unterricht.

Samstags gibt es etwas Besonderes zum Frühstück: knusprige Brötchen von Bäcker Treusch, überreicht von der jungen Frau mit dem schicken rötlichen Kurzhaarschnitt. Wenn mir nach der Schule wieder mal die Hausaufgaben entgangen sind, kann ich mich ohne Umstände bei meinen Klassenkameraden erkundigen, denn Mitarbeiter des Fernmelde-technischen Zentralamts kommen zeitig in den Genuss eines Telefonanschlusses.

Ist mein Schreibheft voll, schlendere ich hoch an die Ecke zu Schreibwaren Kiel und besorge mir ein Neues. Auch in der Wormser Straße (wahrscheinlich Hausnr. 10) gibt es ein weiteres Lädchen, das neben Handarbeits- auch Schulbedarf führt. Gelegentlich kaufe ich für meinen kleinen Bruder in der Drogerie Ecke Moltkestraße / Haardtring ein Hipp-Gläschen mit Karotten und Reis und ich nehme auch gleich eins für mich mit, es schmeckt zu gut!

Gegenüber am Südbahnhof-Kiosk schlage ich mir zwischen den Männern mit den Bierflaschen den Weg frei bis zu Herrn Schneider, der mir mein geliebtes Capri-Eis überreicht. Beim täglichen Gummitwist ramponieren wir so manches Gummiband, das für Kleidung gedacht war. Zum Glück gibt es in der Wormser Straße ein kleines Kurzwaren-Lädchen. Mit dem neuen Band kann es weitergehen: Hüpfakrobatik von der Knöchel- bis zur Taillenhöhe.

Im Nebenhauswohnt Sabine und diejenige, die zuerst mit den Hausaufgaben fertig ist, klingelt bei der anderen. Wenn ich noch auf Sabine warte, spanne ich eine Zinkmülltonne als Partner fürs Gummitwist ein. Die Mülltonnen tragen die Aufschrift „Keine heiße Asche einfüllen“. Nicht von Zigaretten sammeln wir Ascheabfall, sondern vom Kamin, der vom Flur unserer Wohnung den Kachelofen im Wohnzimmer und weitere Räume heizt. Im Winter holen wir Kohlen aus dem Keller und klappern mit dem Schürhaken.

Wenn Schnee liegt, lässt sich eine der Wiesen der Oppenheimer Straße prima zum Schlittenfahren nutzen. In dieser Straße wohnt auch mein Klassenkamerad Uli. Bei unseren Gummitwist- Herausforderungen schleicht er sich gerne mal aus dem Hinterhalt an und lässt das Gummiband gegen meine Kniekehlen schnalzen.

Dennoch liege ich oft mit ihm im Gras und er erzählt mir begeistert von Asterix und Obelix und wir staunen über die „Abenteuer mit Micky und Goofy“. Die gesamte lange Grünanlage mit dem langen Pfad, der von der Moltkestraße bis fast zur Bessunger Straße reicht, ist unser Naturspielplatz. Der Pfad ist auch gut geeignet zum Fahrradfahren: an Ostern habe ich mitten auf der großen Wiese neben unserem Wohnhaus ein orangefarbenes Klapprad gefunden.

Sabine und ich gestalten die Gebüsche und Bäume zu unseren „zweistöckigen Wohnungen“ aus und wir spielen Tarzan und Daktari nach – sehr zur Freude eines etwas pikierten Anwohnerehepaars. Wir lachen von ganz oben aus dem Baum herunter, picknicken Treets und Gummibärchen und freuen uns über die Errungenschaften aus dem Kaugummiautomaten in der Oppenheimer Straße.

In Sabines Haus wohnt eine freundliche Dame, die im Sommer gerne auf ihrem Liegestuhl auf der Wiese liegt, mit einer großen Sonnenbrille, Creme 21 und der Zeitschrift Für Sie. Wir legen uns einfach mit einer Decke zu ihr, plaudern zu dritt und hören Musik aus meinem kleinen Transistorradio. Im Lebensmittelmarkt coop oben an der Ecke Donnersbergring gehe ich ab und zu mit meiner Mama einkaufen und manchmal brauchen wir noch Artikel aus dem Elektroladen, der gegenüber im Hinterhof liegt.

Seit Ende August 1973 besuche ich dieWilhelm-Leuschner-Schule. Es ist den Schülern zwar verboten, die Schule zu verlassen, doch zur Pausenzeit wimmelt es im Metzgerladen Veith in der Wormser Straße von Schülern aller Altersklassen. Wichtiger als Schulverordnungen ist die Frage: Was ordere ich heute, ein Fleischsalat-oder ein Fleischwurstbrötchen? Lecker, lecker. Bald kommt Metzgerei Veith sogar unserem Bedarf nach Süßigkeiten und Eis nach! Mittlerweile mogeln sich auch Lehrkräfte unter den Schülerschwarm. Anwohner der Postsiedlung schauen vor ihrem Wurstkauf erst mal auf die Uhr.

In den Pausen oder Freistunden gehen wir auch manchmal ins „Gärtchen“. So nennen wir die verwilderte – für uns wie verzauberte – Grünfläche, die zwischen der Schule, dem Gesundheitsamt und entlang der Bessunger Straße liegt. Ich sitze dabei, bei den Jugendlichen, die zaghaft Küsse austauschen. Als moderne Schüler tragen wir Schlaghosen von Levis Fischer in der Eschollbrücker Straße. In der Nähe fahren tagtäglich die amerikanischen Mitbürger mit ihren voluminösenStraßenkreuzern mit dem eindrucksvollen Klang und Armeefahrzeugen den Haardtring entlang von einer Kaserne zur anderen oder zum Mehrwert-Supermarkt (er hieß danach Kaufpark, Wertkauf u. a.). Die Soldaten grüßen wir mit dem Peace-Zeichen und freuen uns diebisch über die spontanen zahlreichen Peace-Zeichen auf dem Army Truck.“ Christiane Gärtner

Die Postsiedlung – Solidarität findet Stadt.