Im Oktober 2025 starteten wir nach längerer Vorbereitungszeit unser Projekt „Solidarische Quartierpflege“. Hintergrund hierfür ist, dass wir in unserer bisher zehnjährigen Quartiersarbeit in Darmstadt-West und Alt-Bessungen immer wieder festgestellen müssen, dass (nicht nur) alleinlebende ältere und hochbetagte Seniorinnen und Senioren in nicht wenigen Fällen medizinisch stark unterversorgt sind.
Alle Informationen zur Solidarischen Quartierpflege finden sie hier:
Im November 2025 präsentierten wir das Projekt dann der Öffentlichkeit:
Was dann folgte, hatten wir zwar theoretisch erahnt, in der praktischen Umsetzung aber nicht in dieser zahlenmäßigen Menge erwartet: Viele, viele Menschen fanden unsere Idee gut, fassten Vertrauen, gingen auf uns zu und schilderten uns ihre Problemlagen rund um das Thema Gesundheit, Alter, Einsamkeit.
Wir hörten zu, informierten über gesetzliche Ansprüche, veranlassten Anträge bei Sozialbehörden, moderierten den Dialog zwischen Angehörigen. Direkt im Oktober wurden wir zudem in die unmittelbare Unterstützung einer Familie mit einem schwerstbehinderten Kind im Quartier miteinbezogen, bei dem der Familienvater leider viel, viel zu früh und für alle Seiten unerwartet verstarb. Eine Katastrophe für die vierköpfige Familie, auf einmal stand alles „im Feuer“.
Gemeinsam mit unserem Quartierarbeiter und unserer Krankenschwester investierten wir alleine hier über 30 Stunden Arbeit in die seelische und bürokratische Unterstützung bei diesem Schicksalsschlag. Unglaubliche Mengen an Formularen waren auszufüllen und zusammen mit den entsprechenden Nachweisen an die jeweils zuständige Behörde zu übersenden. Doch kurz vor Weihnachten hatten wir dies bewältigt, alle nötigen Dinge erfolgreich ins Laufen gebracht.
Unser Anspruch bei allen Begleitungen ist stets, diese Dinge im Sinne der Betroffenen zu lösen und auch kämpferisch an deren Seite zu stehen, wenn bürokratische Hürden auftauchen. Gerade im Bereich der Kranken- und Pflegeversicherung entwickeln sich Strukturen aktuell aber leider so, dass man nicht davon ausgehen darf, dass Menschen die ihnen zustehenden Leistungen auch erhalten.
So haben Betroffene zwar „auf dem Papier“ theoretische Rechte, haben aber im Alltag große Mühe, diese bestehenden Rechte gegenüber der Krankenkasse auch umzusetzen. Wir haben bereits bei unserem Nachbarn Mimo ausführlich hierüber berichtet (siehe Artikel-Serie auf diesem Blog).

Von dieser Art fortgesetztem Irrsinn hatten wir leider auch im Herbst und Winter weitere Fälle, u.a. in einer wirklich filmreifen XXL-Auseinandersetzung mit der Krankenkasse DAK. Diese erschwerte einer schlimm gestürzten alleinstehenden Nachbarin (inkl. Trümmerbuch, mehrfacher OP, folgende Lähmung des rechten Arms etc.) das Leben derart, dass wir uns veranlasst sahen mit Mitteln unserer Sozialen Hilfe für Unterstützung zu sorgen. Wir finanzierten ihr „Essen auf Rädern“ für eine warme Mahlzeit am Tag und stellten über unsere Krankenschwester auch eine Unterstützung beim Duschen sicher, bevor wir die DAK endlich zu Handlungen und die damit verbundene Finanzierung bewegen konnten. Dieser Fall hat uns einmal mehr gezeigt, dass unser Hilfesystem Menschen quasi „im Regen“ stehenlässt, wenn niemand da ist der/die Betroffenen solidarisch unterstützt.
Von derlei Fällen hatten wir noch mehr. Viele handeln von bisher unentdecktem Elend hinter Wohnungstüren. Es ist schon erschreckend, wie sich einige Menschen mit schwierigsten gesundheitlichen und sozioökonomisch elenden Bedingungen begnügen, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, nach Unterstützung zu fragen.
Leider hat diese dynamische Phase aber auch bei uns Spuren hinterlassen. Wir hatten häufig – trotz großer persönlicher Hilfen – den Eindruck, dass wir theoretisch noch stärker in einige Fälle hätten einsteigen müssen. Empfanden oft den stark im Raum stehenden Druck, sehr schnell für eine Linderung der Situation zu sorgen, als belastend. Hatten den Eindruck, den Bedarfen nicht hinterherzukommen.
Unser Quartierarbeiter, der schon im Normalbetrieb sieben Tage die Woche arbeitet, kloppte einen 12 Stunden-Tag nach dem anderen, unsere engagierte Krankenschwester kam aus dem Hamsterrad gar nicht mehr raus und nahm sich rund um Weihnachten erst einmal eine Auszeit.
Die positive Botschaft: Unsere Idee kommt an, es gibt einen unglaublich großen Bedarf nach solidarischer Unterstützung rund um die Themen Gesundheit und Pflege.
Wir müssen jetzt für uns klären, wie wir unser Projekt – mit den begrenzten Ressourcen die wir haben – in einer Art und Weise betreiben können, ohne das die beteiligten Personen faktisch „überrollt“ werden.
Aber: Wir werden eine gute Lösung finden. Solange werden wir allerdings die geplante Flugblatt-Aktion im Quartier, mit dem wir das Projekt „Solidarische Quartierpflege“ im großen Maßstab vorstellen wollten, erst einmal aufschieben.
Die Postsiedlung – Solidarität findet Stadt.
