Am Mittwoch Abend demonstrierte ein Dutzend Aktive in einer lustigen Satire-Aktion gegen den Beschluss des EU-Parlaments von vergangener Woche, die ein Verbot der Bezeichnung von pflanzlichen Alternativprodukten mit den Begriffen Burger, Wurst oder Steak beinhaltet. Die Mehrheit aus dem konservativen, rechten und rechtsradikalen Lager behauptet, hiermit würden Verbraucher systematisch getäuscht werden.
Würde dieser bizarre Beschluss in nationales Recht umgesetzt, dürfte beispielsweise unser Kiosk 1975 seine vegane Bockwurst nicht mehr so bezeichnen. Der Veggie-Burger im Restaurant dürfte nicht mehr so heißen, ebenso wie das pflanzliche Seitan-Steak usw. Doch was ist beim Begriff „Vegane Bockwurst“ eigentlich Verbrauchertäuschung?
Die Aktiven hatten für diese Aktion die frei erfundene Gruppe „Glaubensverbund europäische Konservative und ihre rechten Freunde“ gegründet und beim Ordnungsamt der Stadt eine Kundgebung unter diesem Namen angemeldet.

Als Ort haben wir uns das österreichische Restaurant „Linzer Stube“ ausgewählt, da diese u.a. den bekannten Nachtisch „Palatschinken“ auf der Karte haben. Der hatte noch nie etwas mit Schinken zu tun, was jeder einigermaßen gebildete Mensch schon seit Jahrzehnten weiß. Aber: Wenn eine Mehrheit im EU-Parlament der Ansicht ist, den Verbraucher vor angeblichen „Täuschungen“ schützen zu müssen – dann deklinieren wir das mal durch. Los geht´s…



Vorab müssen wie erwähnen: Wir haben für die Aktion extra einen Wochentag ausgewählt, an dem die Linzer Stube geschlossen hat. Damit wir weder Wirtin noch Gäste stören. Die Wirtin selbst war der Aktion gegenüber übrigens tiefenentspannt, zeigte Verständnis für unser Anliegen und wünschte „Viel Erfolg!“.
So bauten wir am Mittwoch Abend unsere Soundanlage auf und starteten unsere Kindgebung. Natürlich mit dem Hit „Alles Lüge“ vom unvergessenen Rio Reiser. Unser Aktiver Bastian schlüpfte dann in die Rolle von Hubertus Gockel, dem rechtsnationalen Sprecher des „Glaubensverbund europäische Konservative und ihre rechten Freunde“. Manche meinten nach der Rede, mit diesem Talent könne er auch eine Karriere in einer rechtspopulistischen Partei starten – sozusagen als „Plan B“ 😉



Hubertus Gockel legte dann richtig los, bedankte sich u.a. bei der deutschen Fleischindustrie und Markus Söder für die großartige Unterstützung. Vor etlichen Jahren sei es schon heimlich, still und leise gelungen, den „links-grün versifften Mandelmilch-Trinkern“ zu verbieten, ihr Gesöff nach Milch zu benennen. Ein großer Erfolg der Bewegung, so Gockel.
Nun hätte der neuerliche Beschluss der EU-Parlaments den „linken Öko-Spinnern mit ihrer Tofu-Wurst einen entscheidenden Schlag“ versetzt, so Gockel weiter. Viele hätten ihn mit bewegenden Geschichten aus ihrer Kindheit kontaktiert, zum Beispiel Otto P. : „Ich habe mich immer so gefreut, wenn auf Kindergeburtstagen zu einer „Schnitzeljagd“ eingeladen wurde. Und hatte großen Hunger. Am Ende gab es aber nie ein Schnitzel, sondern nur Lutscher oder Eis. Das war traumatisch!“
Das Kinder nicht so schlimm getäuscht werden dürfen, dass sage einem doch „der gesunde Menschenverstand“!



Der „gesunde Menschenverstand“. Dieser Begriff waberte ebenso häufig durch Gockels Rede, wie sie auch rechtsradikale Bewegungen weltweit mittlerweile benutzen. Ein neuer Kampfbegriff scheint geboren…
Dann kam Gockel zur „knallharten investigativen Recherche“ in einem Supermarkt, da jetzt die begonnene Verbotspolitik konsequent weitergeführt werden müsse. Gockel hatte vorab viele Produkte eingekauft und bezog die ZuhörerInnen nunmehr in seinen Produktest ein.
Und diese stellten einen Skandal nach dem nächsten fest:
„Schweineohren“ ohne Schwein.
„Katzenzungen“ ohne Katze.
„Fleischtomaten“ ohne Fleisch.
„Sonnenmilch für Kinder“ ohne Sonne. Und ohne Milch!
Goldbären ohne Bären. Und ohne Gold!
Sein Fazit: Söder muss durchgreifen! Noch mehr Verbote! Den Titel der Verbotspartei nicht kampflos den Grünen überlassen!



Die Anwesesenden dankten es ihm mit frenetischen Applaus. Hubertus Gockel hat (noch) keine Autogrammkarte, ansonsten hätte er bestimmt viele ans dankbare Volk verteilen können…
Lustige Kundgebung, ernster Hintergrund:
Aus der Rolle von Hubertus Gockel geschlüpft, erklärte Bastian Ripper, dass man – nicht nur mit Blick auf den autokratischen Umbau der USA – davon ausgehen müsse, dass (nicht nur) dieser Vorstoss der immer stärker kooperierenden Rechten Teil eines übergreifenden Kulturkampfes sei. Wem dies nichts sage, der solle einmal in die zahlreichen Artikel mit Schilderungen der bizarren neuen Realität in Amerika schauen. Selbst das „Tagebuch der Anne Frank“ werde in etlichen US-Bundesstaaten aus den Schulbibliotheken genommen, von Büchern gegen Rassismus ganz zu schweigen.
„Demokratie stirbt scheibchenweise, Haltestelle für Haltestelle schreitet dieser Prozess voran“, so Ripper. Man müsse aufmerksam sein und eine klare Haltung zu diesen Vorgängen entwickeln. Sonst befinden wir uns in zwei Jahren in ähnlichen Prozessen wie in den USA, Ungarn oder der Türkei.
Taten statt Warten.
Auf Veränderung zu hoffen,
ohne selbst etwas dafür zu tun,
ist wie am Bahnhof zu stehen
und auf ein Schiff zu warten.







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