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Historie: Meine Erinnerungen an die Schokoladenfabrik Hardy im Quartier

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Wir dokumentieren hier einen schönen Text von Werner Marder zur untergegangenen Schokoladenfabrik Hardy in der Holzhofallee. Herzlichen Dank für den tollen Text! Wenn sie auch Geschichten + Fotos zum Leben, Industriegeschichte oder vor allem zu kleinen Ladengeschäften haben, zögern Sie nicht uns zu kontaktieren. Wir werden ihren Text dann auf diesem Blog veröffentlichen. Alle bisherigen Texte finden sie unter: https://www.postsiedlung.de/blog/tag/historie/

aus: „Die Geschichte einer Welteroberung“ von Hardy Schokolade Darmstadt

von Werner Marder: „Es muss um 1960 gewesen sein. Ich ging noch zur Schule und mein Vater arbeitete in einer kleinen Druckerei in Pfungstadt. Ich war 12 Jahre alt und liebte es nach der Schule mit Freunden auf unseren Fahrrädern die Pfungstädter Umgebung zu erkunden.

Wenn die Freunde mal keine Zeit hatten gab es für mich auch ein Ziel, das ich gerne allein ansteuerte. Es war der Arbeitsplatz meines Vaters. Ich radelte dann in die Hauptstraße, ging vorbei am Büro des Chefs, an den zwei oder drei Damen, die mit Buchbinderei und Versand betraut waren, an den beiden Schriftsetzern mit ihren riesigen Setzkästen und schon konnte ich den Geruch der Farben im Drucksaal wahrnehmen. Ein Geruch, der mich heute noch fasziniert. Ich stand direkt zwischen den Druckmaschinen.

Es war wirklich nur eine kleine Druckerei mit nur zwei Buchdruckern, die ich zwischen den drei oder vier Druckmaschinen antraf und die ihre „Schwarzen Kunst“ betrieben.

Die Technik hatte mich schon damals interessiert. Rotierende Walzen und Zahnräder und die hin- und her flitzenden Formen mit den Druckvorlagen – von einem Exzenter geführt – und alles von einem einzigen Elektromotor angetrieben. Der Rest der Maschinen musste manuell über Hebel und Handräder bedient werden.

aus: „Die Geschichte einer Welteroberung“ Hardy Schokolade Darmstadt mit Original-Fotos aus der Produktion

Genau so etwas wollte ich immer mit meinem Metallbaukasten nachbauen. Aber ich habe es bis heute noch nicht geschafft, obwohl ich mit 76 Jahren noch meinen Metallbaukasten besitze und gerne mit den Enkeln baue. Einige sind jünger als ich damals war und für sie sind Kräne noch interessanter als Druckmaschinen. Diejenigen, die schon zwölf und älter sind, haben andere Interessen.

Jedenfalls kannte ich damals schon den Unterschied zwischen der Heidelberger Schnellpresse, dem Albert und dem Tiegel, der mich mehr an eine Windmühle als an eine Druckmaschine erinnerte. Es war einfach toll für den 12 jährigen späteren Ingenieur die Unterschiede in der Technik zu ergründen und den Besonderheiten der Maschinen auf den Grund zu gehen.

Einige der Kunden kamen damals, wie ich später erkannte, aus dem Kreis der „Rauchlosen Industrie“, die die Wiederaufbau GmbH nach dem Zweiten Weltkrieg nach Darmstadt geholt hat. Eine dieser Firmen bekam eine ganz besondere Bedeutung für mich, die Schokoladenfabrik HARDY.

In meiner Kinderzeit war Schokolade noch etwas Besonderes. Man konnte mich und auch andere Kinder zum Geburtstag oder an Festtagen mit einer Tafel Schokolade glücklich machen, denn das war etwas Besonderes und das gab es nicht alle Tage.

Wenn ich meinen Vater in der Druckerei besuchte, konnte es passieren, dass ich nach meinem technischen Rundgang von meinem Vater oder von Franz, seinem Kollegen überrascht wurde. Manchmal nämlich war der Vertreter von HARDY vor mir da gewesen um Druckerzeugnisse abzuholen. Vielleicht war er mit den Druckergebnissen besonders zufrieden oder er bekam vom Chef einen guten Preis – ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte mein Vater oder sein Kollege eine schon geöffneten Tafel Schokolade und ich durfte mir eine Reihe mit vier Kästchen abbrechen und einfach so essen.

aus: „Die Geschichte einer Welteroberung“ Hardy Schokolade Darmstadt mit Original-Fotos aus der Produktion

Ich erinnere mich noch genau an die Form der Kästchen. Die Oberseite war ganz blank ohne Firmenlogo und nach allen vier Kanten abgerundet. Man konnte mit der Zunge darüberfahren und die glatte Schokoladenhaut fühlen und spüren wie sie schmilzt. Und das viermal nacheinander und ganz unerwartet ohne Geburtstag. Es war ein Fest für mich und wird mich immer mit den Namen HARDY verbinden. 

Und ich entdeckte noch etwas in der Broschüre: das Gebäude der Schokoladenfabrik. Mensch, das Gebäude kennst du doch. Da fährst du doch immer mit dem Fahrrad dran vorbei. Gerade mal 200 Meter von unserem Haus entfernt. Tatsächlich, das ist die Schokoladenfabrik. Hier wurde eine meiner Kindheitserinnerungen hergestellt.

Jahre später, nach Studium und Berufstätigkeit kehrte ich wieder in diese Region zurück und fand mein neues Zuhause im Verlegerviertel. Irgendwann stöberte ich einmal in einem Antiquariat und fand die kleine DIN A6 Broschüre „Entdecker, Früchte und Genüsse“ der besagten Schokoladenfabrik. In ihr sind der Kakaoanbau, die Schokoladenherstellung und das Sortiment der Produkte dargestellt. Auf Seite zwei konnte ich sogar die aufgerissene Tafel mit den charakteristischen Kästchen sehen. Genau so, wie sie mir als Kind angeboten wurde.

Noch heute schlägt mein Herz höher und ich spüre ein wohliges Gefühl in meinem Mund, wenn ich vorbeiradle.

Sie steht noch heute: Ehemalige Hardy-Schokoladenfabrik in der Holzhofallee

Das Interesse an der Technik, auch an den Druckmaschinen und der Genuss beim Schokoladeessen begleiten mich mein ganzes Leben lang, bis heute. Und noch etwas ist geblieben, ab und zu mal eine Reihe mit, je nach Marke, 3, 4 oder 5 Kästchen reichen mir vollkommen. Es muss keine halbe Tafel auf einmal sein. Schokolade weckt Glücksgefühle – schon in kleiner Menge.“

Die Postsiedlung – Solidarität findet Stadt.