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Soziale Hilfe: Mimo schafft die Fahrtauglichkeitsprüfung für den 6km/h – Elektro-Caddy / Kritik an Krankenkasse

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Wir hatten im Juni 2025 auf diesem Blog über unseren Nachbarn Mimo berichtet, der von uns in Kooperation mit Rückenwind – solidarische Quartierarbeit e.V. seit längerer Zeit unterstützt wird. Mimo versucht aufgrund seiner Behinderung seit längerer Zeit, von seiner Krankenkasse einen 6km/h Elektro-Caddy genehmigt zu bekommen. Damit er endlich wieder mobil ist und auch mal in den Park oder zur Eisdiele in die Heimstättensiedlung fahren kann.

Hier ist die ausführliche Geschichte vom Juni 2025:

Wie wir im Juni schon angekündigt hatten, ist die Geschichte noch lange nicht am Ende. Wir blieben dran und haben beim TÜV Hessen nach längerer Suche endlich einen sehr freundlichen und kompetenten Sachverständigen gefunden, der sich hierfür zuständig erklärte.

Mittlerweile ist klar: Der gesamte TÜV Hessen (eine große und bedeutende Organisation) hat nämlich erstmals in diesem Jahr von der Forderung einer Krankenkasse gehört, die ernsthaft auf die Idee kam, eine Fahrtauglichkeitsprüfung für einen 6km/h langsamen Elektro-Caddy zu fordern. Die einzige Krankenkasse weit und breit, die auf solch eine abstruse Idee kommt, ist die AOK Hessen. Der TÜV Hessen hatten den ersten Fall Anfang 2025 in Kassel, kurz danach kamen schon wir in Darmstadt.

Da dies vorher in der Geschichte des TÜV noch nie vorkam und auch keine andere Krankenkasse das macht, wusste auch die zentrale Hotline des TÜV über die Sache noch nicht Bescheid. So wurde uns, das wissen wir mittlerweile, auch die Auskunft erteilt, eine Fahrtauglichkeitsprüfung koste über 2000,- Euro. Gemeint war damit aber die Fahrtauglichkeitsprüfung, wenn man nach Alkohol oder Drogen am Steuer seinen Führerschein verloren hat. Dann muss man eine sehr umfangreiche Prüfung und Testverfahren absolvieren, um den entzogenen Führerschein wieder zu erlangen.

In diesem Fall kostet die Fahrtauglichkeitsprüfung für den Elektro-Caddy nur knapp über 200,- Euro. Wir waren erleichtert.

Aber zurück zur AOK Hessen, bei der Mimo versichert ist: Warum macht die AOK so etwas als einzige Kasse?

Die Antwort liegt, so bekommen wir das in unserer Beratung mit und berichten auch andere Sozialberater, mutmaßlich in einer ziemlich perfiden Strategie (nicht nur) der AOK zur Kostensenkung: Selbst bei berechtigten Anträgen auf Leistungen der Krankenkasse werden Anträge verzögert und verschleppt, mit vielen Rückfragen verknüpft, Leistungen zunächst abgelehnt, Hürden zur Erlangung der berechtigten Leistung aufgebaut.

Wer in diesem oftmals langen und mit viel Schriftverkehr verbundenen „Ping-Pong-Spiel“ nicht mithält, also die Schreiben der AOK jeweils beantwortet, einen Widerspruch gegen die AOK formulieren kann und dabei auch einen langen Atem aufweist – der bekommt die Leistung nicht. Die AOK (und auch andere Kassen) lehnen sich dann entspannt zurück und sagen: Der Versicherte XY hat die für die Genehmigung notwendigen Unterlagen leider nicht vorgelegt. Oder ganz ähnliche Sätze. Auf diese Art und Weise werden Leistungen, die eigentlich glasklar zu genehmigen wären, vom Tisch gewischt.

Wir wagen jetzt mal eine These: Von 10 Personen, die wie Mimo einen gesundheitsbedingt berechtigten Anspruch auf einen Elektro-Caddy haben, ist eine Person in der Lage einen solchen Lauf über künstlich aufgestellte bürokratische Hürden erfolgreich zu meistern. Die anderen 9 Personen erhalten diese Leistung dann nicht. Unsere Erfahrung ist: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Aber was ist mit all denen, die sich aufgrund Krankheit, Bildungsstand, Sprachkenntnis oder schlicht fehlendem PC nicht wehren können?

Wir finden das schwierig. Extrem schwierig. Und es macht etwas mit uns. Hier findet die Aussaat statt, die Soziologen andernorts als Politik- oder Staatsverdrossenheit konstatieren. Daher schildern wir dies auch so ausführlich.

Der nächstmögliche Termin für Mimos Fahrtauglichkeitsprüfung wurde auf den heutigen 30. Juli festgelegt. Da der TÜV Hessen natürlich keine Flotte von Elektro-Caddy´s unterhält und Mimo ja noch keins besitzt, mussten wir für diesen Termin natürlich einen Elektro-Caddy besorgen. Unser Verein besitzt dieses Netzwerk, erneut hat unsere Nachbarin Uschi freundschaftlich geholfen. Aber was machen eigentlich Menschen, die keinen haben der ihnen so etwas mal kostenlos ausleiht?

Mimo war vor der Prüfung aufgeregt, absolvierte die Prüfung aber wirklich vorbildlich: Sicheres Vor- und Rückwärtsfahren, sicheres Fahren im Straßenverkehr, Slalom fahren um aufgebaute Hütchen, Fahren auf eine Rampe – und rückwärts (!) wieder runter, Bürgersteig hochfahren ohne umzukippen und vieles mehr. Alles fehlerfrei. Die Postsiedlung wurde zur Teststrecke. Mimo machte das besser und vorsichtiger, als viele Lastenradfahrer in der Darmstädter Fußgängerzone 😉 Müssen die eigentlich auch eine Fahrtauglichkeitsprüfung beim TÜV machen?

Daher beginnt jetzt das nächste Kapitel: Der TÜV schickt uns demnächst die Bestätigung der erfolgreichen Prüfung. Diese werden wir dann bei der AOK Hessen einreichen. Wir sind gespannt, was die nächste Hürde sein wird…

Wir bleiben am Ball!

Die Postsiedlung – Solidarität findet Stadt.